Altenhof: Trio Jean Paul und die Bratscherin Nobuko Imai mit Brahms und Schumann vereinen Ausdruckskompetenz mit Spielintelligenz:
Das Trio Jean Paul in Altenhof
von MICHAEL STRUCK 17.08.2005
...eine unwiderstehliche Aufführung - zum Mitfühlen und Mitdenken!
"Endlich!" möchte man beim großartigen Altenhofer Festival-Konzert des Trio Jean Paul (Eckart Heiliger, Klavier; Ulf Schneider, Violine; Martin Löhr, Cello) ausrufen: Endlich bekommt man Johannes Brahms' Klaviertrio H-Dur op. 8 einmal in der ersten Fassung von 1854 zu hören (die das Ensemble kürzlich auch auf CD einspielte). Meist erklingt ja die 35 Jahre später radikal umkomponierte, teilweise völlig neu geschaffene Fassung, wenn das H-Dur-Trio mit der scheinbar frühen Opuszahl 8 auf dem Programm steht. Das Trio Jean Paul spielt die gut dreiviertelstündige Erstfassung faszinierend.
Der melodische und emotionale Elan, die Gedanken- und Phantasiefülle, das Streben nach Vereinheitlichung, aber auch die jugendliche Zerrissenheit, die der 20-jährige Brahms teils gestalten wollte, teils nicht verhindern konnte, kommen zu ihrem Recht und zum Ausdruck. Die drei Musiker müssen nicht äußerliches "Temperament" demonstrieren - sie bringen Brahms' teils überschwängliche, teils herbe, teils intime Musik von innen her zum Sprechen. Überzeugt und überzeugend orientieren sie ihre Tempi an Brahms' Metronomangaben. Der erste Satz wirkt dadurch anfangs schlanker als gewohnt, verliert sich nicht selbstverliebt in schönen Melodien, sondern zeigt so viel Zusammenhalt wie irgend möglich.
Auch in den anderen Sätzen besticht der Sinn des Ensembles für Proportionen und - etwa beim gespenstisch irrealen Schluss des Scherzos - für Ziele. Die Unebenheiten und (liebenswerten) Schwächen der überbordenden Jugendfassung werden nicht kaschiert. Doch das Trio Jean Paul bindet den Hörern auf die Seele, was dem blutjungen Brahms am Herzen lag. Es ist eine unwiderstehliche Aufführung - zum Mitfühlen und Mitdenken!
Schumanns Klavierquartett op.47, das nach der Pause fast als Quintett (unter Mitwirkung eines vorbeibrummenden Mähdreschers) begonnen hätte, besitzt genau das, um was der Twen Brahms noch kämpfte: den unzerreißbaren roten Faden. Was fesselt (trotz einzelner kleiner Abstimmungsprobleme, trotz der fehlenden Umstimmung des Cellos zum wundersam tiefen B am Ende des Andante) an der Aufführung, bei der sich die fabelhafte Bratschistin Nobuko Imai zum Trio Jean Paul gesellt? Mehrere Glücksfälle kommen zusammen: Ein elastisches Spiel, das Schumanns Musik (von den ersten schnellen Klavierpassagen an) immer wieder belebt. Tempi, die nie den Fluss verlieren und stets die Form wahren. Ein schlanker, bei Bedarf kraftvoll verdichteter, sehr bewusst gestalteter Klang, der auch im Tutti nie sein bewegtes Innenleben verliert. Dass die Streicher hier - wie schon bei Brahms - das Vibrato bewusst dosieren, also jegliches Dauerschlingern vermeiden und manche Abschnitte vibratolos angehen, erhöht die Farbigkeit, Vielfalt und Schlüssigkeit des klingenden Ergebnisses. Erkenntnisse historisch bewussten Spiels verbinden sich mit Ausdruckskompetenz und Spielintelligenz.
Solches Musizieren eröffnet (um Schumanns berühmten Ausspruch über den jungen Brahms aufs Trio Jean Paul umzumünzen) "Neue Bahnen" des Brahms- und Schumanns-Spiels. Die Bravos, auch schon zur Pause, sind mehr als berechtigt.






