Grosse Gefühle - rhetorisch erfüllt
von MARKUS METZLER24.03.2003
Keine Frage, Bearbeitungen stehen derzeit hoch im Kurs, selbst bei Besetzungen, denen es an Originalliteratur eigentlich nicht mangelt. Dies liegt sicher auch an der gern genutzten Gelegenheit zum Rollentausch, zum Ausweiten der gestalterischen Grenzen. So scheint die mehr auf partnerschaftlichen Ausgleich und satztechnische Ökonomie denn auf Bekenntnishaftes zielende Gattung Klaviertrio zwar mit dem hochfliegenden Gefühlsüberschwang von Arnold Schönbergs Streichsextett «Verklärte Nacht» zunächst kaum vereinbar. Doch gerade die Reduzierung und die damit einhergehende «Läuterung» der Ausdruckspalette macht das Ganze reizvoll: Das von dem Pianisten Eduard Steuermann, enger Vertrauter und Freund Schönbergs, verfertigte Arrangement transformiert die extrovertierte und von spätromantischem Pathos durchtränkte Tonsprache in übersichtliche, den emotionalen Überdruck allzeit bündelnde Strukturen.
Hellhörig: das Trio Jean Paul
In seiner perfekt koordinierten, zwischen feinsten Klangnuancen und orchestraler Orchesterfülle austarierten Interpretation verlieh das Trio Jean Paul dem Werk ein äußerst klar gezeichnetes, spezifisches Gewicht. Erwartungsgemäß liefen die motivischen Fäden zumeist beim Pianisten zusammen; sie zu ordnen und gemeinsam mit den Streichern fortzuspinnen war nicht die einzige Aufgabe, der sich Eckart Heiligers gegenübersah. Daneben wußte er immer wieder pianistische Ressourcen zu nutzen, um einige Stellen konturierter, einige Akzente impulsiver darzustellen, als dies im Original möglich wäre. Gleichwohl kamen die großen Gefühle nicht zu kurz; die drei Musiker liessen sie in einer rhetorisch erfüllten, ebenso verschlungenen wie zwingenden Erzählung aufgehen, in der sich Intensität, hellhörige Kommunikation und Tiefgang zur bruchlosen Einheit fügten.
Langezogene Melodien, quirlig verspieltes Laufwerk, kleine Seufzer und gleich darauf schroff auffahrende Klanggebärden - auch Haydns Klaviertrio in der «empfindsamen» Tonart fis-Moll lebt von Emphase und Spontaneität, aufgehoben in einem vollendeten Formgehäuse, das bereits die Meisterschaft Beethovens ankündigt. Ganz im Geiste des «Sturm und Drang» , spielten die Künstler das Werk mit sprachähnlichem Duktus, ausserordentlich variabel und griffig in Dynamik, Farben und Agogik - selten etwa wird einem der (harmonische) Krisenmoment eines verminderten Septakkords so sinnfällig und zwingend vor Ohren geführt. Der Violinist Ulf Schneider übernahm dabei die Rolle eines leidenschaftlichen Vorsängers: feinnervig oder erregt, voll Kantabilität und Wärme und doch auch wieder zu spannungsreich, um nur in fliessenden Gesang überzugehen.
Leichtigkeit und Ausdruckskraft
Beethovens Es-Dur-Trio op. 70/2 war am Ende eines reichen Abends wie geschaffen, um die Qualitäten des Trio Jean Paul noch einmal auf beglückende Weise zusammenzufassen. Weit gespannt wirkte die Expressivität, kraftvoll der Einsatz, beherrscht von einem einzigen, weiten Atem. Martin Löhrs Cellospiel schien jede Klangnuance mit gestischer Bedeutung aufzuladen, zielte auf den unablässigen Dialog mit der Violine, der sich im Allegretto zum innigen Wechselgesang steigerte. Und dazwischen gab es auch immer wieder ganz organisch hervorwachsende Ausbrüche, voller Virtuosität und Dramatik, übertroffen nur noch vom zugegebenen letzten Satz aus Beethovens G-Dur-Trio, der als humorvoll-wirbliges Perpetuum mobile von atemberaubender Präzision daherkam. Diese Balance zwischen Spielfreude und Eindringlichkeit, zwischen Leichtigkeit und Ausdruckskraft ist dem Ensemble eigen, das Ergebnis der tiefen, sicht-und hörbaren Verbundenheit der Musiker untereinander.






