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Lasst tausend Zungen blühen

Affektmusik: Trio Jean Paul und Klarinettist Wolfgang Meyer in der Alten Oper Frankfurt
von JULIA SPINOLA
15.01.2000

Seinen Namen möchte das Trio Jean Paul als Bekenntnis verstanden wissen. Er soll sowohl auf die Nähe zum Werk Robert Schumanns verweisen, als auch auf einen künstlerischen Grundgedanken des 1991 gegründeten, sich seither zunehmend profilierenden Ensembles: "Musik und Sprache" sei das zentrale Thema, genauer: die sprachlichen Elemente innerhalb des Musikalischen selbst. Daraus ergibt sich als weiterer Schwerpunkt des Trios die Beschäftigung mit zeitgenössischen Kompositionen (etwa von Wolfgang Rihm, Manfred Trojahn, Albrecht Gürsching und Matthias Pintscher). Dieses ästhetische Credo klingt indes nicht nur wunderbar poetisch und klug, sondern wird von den zwischen zweiunddreißig und sechsunddreißig Jahre alten Musikern auch mit äußerstem Ernst umgesetzt.

Davon zeugt nicht nur ein sehr strukturklares, gestisch direktes Spiel, sondern vor allem auch eine sichere Gestaltintuition, die den je spezifischen Ausdruckscharakter eines Werkes erfasst und im Zuge der klanglichen Umsetzung gleichsam beim Wort nimmt. Immerhin spricht jedes Werk anders. Auch und gerade dort, wo Musik- wie in der Romantik - als utopisch versöhnende Universalsprache verherrlicht wird, entwickeln die aus ihr komponierten Gestalten doch ganz verschiedene Formen der Beredheit.

Eine breite Ausdruckspalette der Möglichkeiten kammermusikalischer Klangrede präsentierten Eckart Heiligers (Klavier), Ulf Schneider (Violine) und Martin Löhr (Violoncello) nun zusammen mit dem ebenbürtigen Klarinettisten Wolfgang Meyer im Mozart-Saal der Alten Oper Frankfurt. Im nahezu perfekt koordinierten, klanglich genau ausbalancierten Spiel erhielten die Werke klar konturierte spezifische Gesichter.

Lyrisch-poetisch entfaltete sich die Sprache Robert Schumanns - in seinen Fantasiestücken op.88 für Klavier, Violine und Violoncello aus dem "Kammermusikjahr" 1842 sowie den melodisch noch weiter ausgreifenden, sieben Jahre später entstandenen gleichnamigen Stücken op.73 für Klavier und Klarinette.

Die gleichsam als erweiterte Klavierminiaturen komponierten "Lieder ohne Worte" klangen in dieser genau modulierten, agogisch äußerst nuancenreichen und ebenso unverzärtelten wie zarten Interpretation trotz ihrer teilweise etwas starren Formen hochmodern. Im kleingliedrigen, bisweilen exzentrischen Wechsel der Charaktere schienen die Stücke eher bereits auf Schönbergs "Pierrot Lunaire" zu verweisen, als irgendwelche Kaminfeuer-Erinnerungen an bieder-häusliches Musizieren zu wecken. Schlank, fast leichtfüßig, entwickelte sich auch das a-moll-Trio von Brahms für Klavier, Klarinette und Violoncello op.114 als mathematisch kalkulierter Affektdiskurs: eine rhetorisch erfüllte, ebenso verschlungen wie zwingende Erzählung, deren dichte polyphone Verästelungen im bruchlosen Übergang der einzelnen Instrumentalstimmen zum Blühen gebracht wurden. Jede Klangnuance schien mit gestischer Bedeutung aufgeladen.

Einen Höhepunkt an Präsenz und atemberaubender Unmittelbarkeit erreichte das Ensemble mit Schostakowitschs e-moll-Klaviertrio (Nr.2), 1944 als musikalischer Nachruf auf einen engen Fraund des Komponisten geschrieben, den Kritiker und Wissenschaftler Iwan Sollertinskij, der dem stalinistischen Terror zum Opfer gefallen war. Das Werk schien hier Grenzen des Kammermusikalischen zu sprengen und ins Episch-Symphonische zu drängen. Auch der von ostjüdischer Folklore inspirierte Totentanz des Finales erklang nicht einfach grell und grotesk, sondern durchpulst von einer verzweifelten Hingabe ans Leben.

 

 

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