RÄTSELHAFTE BEKANNTE
Interpretationsgedanken vom Trio Jean Paulvon ECKART HEILIGERS
Mendelssohns Klaviertrios werden gerne gehört und man spielt sie gerne. Sie sind "wirkungssicher"! Doch versucht man, die Ursache dieser Wirkund in Worte zu fassen, sich dem Kern der Aussage sprachlich zu nähern, stößt man überraschend an Grenzen. Ein schlaglichtartiger Vergleich mit den Trios von Robert Schumann mag dies erläutern: vergleicht man die Trios von Mendelssohn mit jenen von Schumann, die fast zeitgleich und in Wechselwirkung entstanden, lassen sich erstaunliche Gegensätze feststellen: Kompositorische Brüche, privateste Aussage in Tonchiffren, Ringen um die Form und um Ausdrucksdetails bei Schumann stehen bei Mendelssohn Elegenz der Faktur, Geschmeidigkeit der Übergänge und sorgfältiges Verbergen hermeneutischer Spuren gegenüber.
Ist die Schreibweise bei Schumann sperrig, nur über den Ausdruck zu entziffern und niemals glatt, so ist sie bei Mendelssohn geschmeidig, hochvirtuos und von bestechender Geschliffenheit. Hinzu kommt etwas anderes bei der Realisierung: nimmt man die Tempovorschriften (und konkreten metronomischen Forderungen) der schnellen Sätze ernst - und das ist die Voraussetzung, will man sich nicht mit freier Nachdichtung statt der Suche nach dem Wesen der gemeinten Charaktere begnügen -, schränkt sich durch die Stimmigkeit und Bruchlosigkeit der Faktur der Spielraum des Interpreten ungewohnt ein. Es scheint, als habe der Komponist einen Schutzzaun aus kompositorischer Meisterschaft (hierin Johannes Brahms vergleichbar) und technischer Unzugänglichkeit errichtet, der sich gegen 'Interpretation' abschotten möchte.
'Absolute' Musik also, der die Form Inhalt ist? Mitnichten ausschließlich, aber zweifellos in viel stärkerem Masse als bei Schumann. Die Erfahrung aus zahlreichen Konzerten lehrt: stellt man sich den technischen Schwierigkeiten, versucht man, die geforderten Zumutungen (speziell im Klavierpart auf modernem Instrumentarium) komnpromisslos zu realisieren, stellt sich jenseits der gelungenen Darstelluing eine höhere poetische Ebene ein, die die wenigen inhaltlichen Fingerzeige umso bedeutungsvoller aufscheinen lässt.
Die Bedeutung der Tonarten, der Moll/Dur-Kontraste, des Antagonismus von jüdisch-melodischen und protestantischen Choralzitaten erlaubt keine eindeutigen Zuordnungen und Deutungen, eröffnet aber bei der künstlerischen Realisierung gleichsam unter Hochdruck assoziative Ketten und Ausdrucksfenster, die den Blick auf den verschlüsselten Inhalt freigeben.
Erst das existentielle Sich-Einlassen auf Mendelssohns Zumutungen erschließt die Rückhaltlosigkeit, die radikale Subjektivität und den zutiefst persönlichen Ausdruckswillen dieser Musik. Fern von jeder 'l'art pour l'art'-Unverbindlichkeit scheint eine Bekenntnismusik auf, die in ihrer Perfektion und ihrem Anspruch eine stete Herausforderung für den Interpreten bleibt.
Vielleicht erklärt das auch die Wirkung auf das Publikum: diesen Trios kann man sich nicht auf quasi risikofreien Pfaden halbherzig nähern, sondern sie fordern rückhaltloses Engagement, dessen Spannungsenergie sich dem Hörer eindringlich mitteilt.




